Der Interim CMO im KI-Zeitalter

Was Automatisierung in der Markenführung übernimmt — und welches Urteilsvermögen sich nicht delegieren lässt.

Die Rolle verändert sich, nicht die Aufgabe

Selten wurde eine Funktion so schnell durch Werkzeuge verändert wie das Marketing. Inhalte, Analysen, Kampagnen, Varianten — vieles, was früher Teams und Wochen brauchte, entsteht heute in Stunden. Daraus wird voreilig gefolgert, die Rolle der Marketingführung schrumpfe. Das Gegenteil ist der Fall.

Was sich verändert, ist die Tätigkeit, nicht die Aufgabe. Die Aufgabe eines CMO war nie, Inhalte zu produzieren. Sie war, zu entscheiden, was wichtig ist, wofür die Marke steht und wo Ressourcen hingehen. Genau diese Aufgabe wird im KI-Zeitalter wichtiger, weil die Produktion billig wird und die Richtung damit alles entscheidet.

Wenn Produktion billig wird, entscheidet die Richtung alles. Und Richtung lässt sich nicht automatisieren.

Was Automatisierung übernimmt

Vieles, und das ist gut. Recherche, erste Entwürfe, Varianten, Datenanalyse, Reporting, Routinekommunikation. Alles, was Muster hat, lässt sich teilweise oder ganz automatisieren. Eine Marketingorganisation, die das nicht nutzt, verschwendet Substanz an Fleißarbeit.

Aber Automatisierung verschiebt nur die Engstelle. Wenn jeder in Minuten zehn gute Varianten erzeugen kann, ist die knappe Ressource nicht mehr die Erstellung. Es ist die Entscheidung, welche der zehn zur Identität passt — und welche neun man wegwirft. Diese Entscheidung wird durch mehr Output nicht leichter, sondern häufiger nötig.

Was Urteilsvermögen bleibt

Drei Dinge lassen sich nicht delegieren. Erstens: Priorisierung — die Entscheidung, was nicht getan wird. Zweitens: Identität — die Frage, wofür die Marke steht und wofür nicht, die jede Maschine voraussetzt, aber keine beantwortet. Drittens: das Nein — die Fähigkeit, attraktive Optionen abzulehnen, weil sie nicht passen.

Diese drei sind keine Aufgaben, die ein Modell erledigt. Sie sind Urteile, die einen Kontext, eine Haltung und Verantwortung voraussetzen. Eine KI kann jede Option durchspielen. Sie kann nicht entscheiden, welche Option die Organisation zu der macht, die sie sein will. Das ist Führung, nicht Rechenleistung.

Eine KI kann jede Option durchspielen. Sie kann nicht entscheiden, welche Option die Organisation zu der macht, die sie sein will.

Warum gerade jetzt interim sinnvoll ist

Im Umbruch brauchen Organisationen genau die Fähigkeiten, die schwer dauerhaft vorzuhalten sind: Klarheit über die neue Rolle des Marketings, die Erfahrung, Werkzeuge sinnvoll einzubinden, und das Urteilsvermögen, Richtung zu setzen, bevor sich Strukturen verfestigen. Ein Interim CMO bringt das fokussiert und auf Zeit.

Der Vorteil ist nicht nur Geschwindigkeit. Es ist Unabhängigkeit. Jemand, der nicht um die eigene Position fürchtet, kann die unbequemen Entscheidungen treffen — Strukturen verschlanken, Prioritäten kappen, Identität schärfen. Im KI-Zeitalter, in dem die meisten Organisationen ihre Marketingfunktion neu denken müssen, ist das oft wertvoller als eine dauerhafte Besetzung, die zuerst sich selbst verteidigen muss.

Das Werkzeug ersetzt nicht das Urteil

Die Marketingführung der nächsten Jahre wird die Werkzeuge selbstverständlich nutzen — und sich gerade dadurch auf das konzentrieren, was nur sie kann. Richtung, Identität, Priorisierung. Wer glaubt, KI mache den CMO überflüssig, verwechselt Produktion mit Führung. Die Produktion ist gelöst. Die Führung ist es nie.

Autor

Sam Kumanan

Executive Brand Strategist, Interim CMO und Executive Advisor. Identity-Led Transformation für komplexe Unternehmen und Führungspersönlichkeiten mit Substanz.

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